Nachrichten vermeiden: Wie ich nach dem Burnout wieder Hoffnung fand

Auf Sand gemalt steht der Satz: "I want to break free." Zu deutsch: Ich möchte in Freiheit ausbrechen.

Selten stolperte ich über einen Titel, der mich so berührte wie dieser: „Politik war mein Lebensinhalt. Heute will ich nicht mehr darüber sprechen“. Mir kamen fast die Tränen, als ich ihn las. Denn es war so, als ob jemand etwas aussprach, das ich Jahre lang selbst fühlte. Als hätte jemand in mein Inneres geblickt und es für mich in die Welt hinaus geschrieben.

Burnout war Wendepunkt

Ich habe als Journalistin bewusst mehrere Jahre lang auf Nachrichten verzichtet. Vielleicht genau aus diesem Grund, den meine Kollegin in diesem Artikel aufgeschrieben hat – ohne mir dessen bewusst zu sein. In der Zeit, in der ich anfing Nachrichten zu vermeiden, begann ich auch als Digitale Nomadin zu leben. Abgekapselt lebte ich in einem Fischerdorf auf einer Insel in den Kanaren und genoss das Privileg, meine Arbeit remote erledigen zu können.

Dieser Schritt war eine radikale Abwendung gegen mein gewohntes Leben im Büro, nachdem ich durch Burnout ging. Es war eine Form des Widerstands gegen mein altes Karriereleben. Ein Bruch mit meiner bisherigen Identität, mit der ich nichts mehr zu tun haben wollte. Zu viel Frust hatte der einstige als so glorreich gepriesene Karriereweg in mir ausgelöst, dass ich nicht anders konnte als mich zu entfernen, um davon zu heilen.

Wunsch nach Leben in Freiheit

Mein Weg ins Studium und in die Arbeitswelt hinein verlief so steil, bis ich übers Ziel hinausschoss und die gesundheitlichen Folgen immer mehr körperlich spürte. Das ließ mich immer stärker an einer Arbeitskultur zweifeln, die Leistung häufig über Lebensqualität stellt. Seitdem wollte ich nicht mehr nur leben, um zu arbeiten. Damit war Schluss.

Was ich stattdessen wollte, war bewusst und sinnvoll zu leben und meinem Leben eine selbst gewählte Richtung zu geben. Meine innere Stimme bewegte mich dazu, loszuziehen für meine Träume. Also wagte ich es und begann als Digitale Nomadin zu arbeiten — allen Widerständen zum Trotz.

In meinem früheren Leben schleppte ich mich jeden Tag ins bedrückende und beengende Büroleben, das mir nur wenig Zeit übrig ließ für die Dinge, die mir wichtig waren, wie genug Zeit für Bewegung und Sport, gesunde Ernährung und Zeit für die Liebsten. Das änderte sich mit meinem neuen Leben auf Fuerteventura.

Ich baute mir Stück für Stück eine neue Identität auf: Anstatt morgens die Süddeutsche aufzuschlagen, ging ich zum Schwimmtraining. Anstatt Sandra Maischberger einzuschalten, ging ich zur Aerial Silk Klasse im Zirkusakrobatik-Studio nebenan. Anstatt Tagesschau zu gucken, zog ich mir Surf-Tutorials rein. Gerade mit dem politischen Karussell, das bis dahin meinen Lebensinhalt bestimmte, wollte ich bloß nichts mehr zu tun haben.

Wie politische Debatten erschöpfen

Jahre nach meiner Entscheidung treffe ich auf den Artikel meiner Kollegin, der mich wachrüttelt. Früher habe sie leidenschaftlich über Politik gesprochen, inzwischen sei sie eher genervt davon, schreibt Katharina. Nicht weil es ihr gleichgültig wäre, sondern weil es sich so schwer anfühle. In ihren Worten finde ich mich Eins-zu-Eins wieder.

Durch sie wurde mir eines klar: All die Jahre, in denen ich mich auf meiner Insel verschanzte, ging es nicht nur darum, zu mir selbst zu finden und mich zu „vergnügen“. Sondern es ging vor allem auch darum, mich von politischen Debatten fernzuhalten, die keine Lösungen für die wirklich drängenden Herausforderungen unserer Zeit bieten. Darum, mich von all dem Schmerz der Welt abzugrenzen. Denn was auf der Welt passiert, ist mir alles andere als gleichgültig.

Wenn Arbeit krank macht

Ich bin so lange Zeugin des politischen Kosmos gewesen, dass ich irgendwann das Gefühl bekam, die Debatten drehen sich einfach nur endlos im Kreis. Und zwar ohne dass die Mächtigen die Sorgen der Menschen wirklich ernst nehmen.

Dabei sind die Themen, welche mich persönlich und auch viele andere Menschen beschäftigen, seit vielen Jahren absehbar. Zuletzt verdeutlichte dies der Stressreport der Techniker Krankenkasse: Laut dem TK-Stressreport 2025 fühlen sich zwei Drittel der Menschen in Deutschland im Alltag oder Berufsleben häufig gestresst.

Es scheint so, als ob die Menschheit sich nicht mehr vom Dauerstress erholen kann: In den letzten 12 Jahren ist der Stresspegel der Menschen laut Studie stetig gestiegen. Chronischer Stress erhöht das Risiko für Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme, Rückenschmerzen oder Depressionen. Gleichzeitig berichten gestresste Menschen deutlich öfter über körperliche und psychische Beschwerden. Einer der Hauptauslöser für Stress ist der Studie zufolge die Arbeit.

Viele Befragte können nach Feierabend nicht mehr richtig abschalten und fühlen sich abgearbeitet und verbraucht:

  • 33 % können abends oder am Wochenende nicht abschalten
  • 42 % fühlen sich durch die Arbeit abgearbeitet und verbraucht
  • 24 % können selbst im Urlaub nicht richtig abschalten

Manche Menschen sind laut Gesundheitsexpertinnen immer kurz vorm nächsten Burnout. Doch anstatt die gesundheitlichen Herausforderungen der Menschen ernst zu nehmen, fordern einige Politikerinnen fordern sogar längere Arbeitszeiten oder ein höheres Arbeitsvolumen.

Die Welt im Dauerkrisenmodus?

In der Studie macht die Krankenkasse einen weiteren Stressfaktor aus, der das Leben vieler Menschen bestimmt: Die Welt im Dauerkrisenmodus. Politische und gesellschaftliche Konflikte nehmen das Leben der Menschen ein und stehen an Platz drei der Hauptursachen für Stress.

Die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen beeinflusst inzwischen das Lebensgefühl vieler Menschen. Die Klimakrise, internationale Kriege und Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten, wachsende Menschenfeindlichkeit und gesellschaftliche Polarisierung gehören zu den Themen, die vielen Menschen Sorge bereiten. Besonders junge Menschen sorgen sich um diese Entwicklungen und blicken deshalb häufig mit Unsicherheit in die Zukunft.

Forschende sprechen inzwischen von einer Polykrise – einer Situation, in der sich verschiedene Krisen gegenseitig verstärken und viele Menschen das Gefühl haben, von den gleichzeitigen Herausforderungen überwältigt zu werden. Die ständige Flut an Nachrichten über digitale Medien kann dieses Belastungsempfinden zusätzlich verstärken.

Mein leiser Widerstand gegen den Dauerstress

Dies sind auch all die Themen, die in mir Frust und Ohnmacht auslösen. Angesichts der seit Jahren hohen Belastung frage ich mich, warum herkömmliche politische Antworten bisher so wenig spürbare Entlastung schaffen. An die Worte so mancher Politiker*innen kann ich deshalb schon seit langem nicht mehr glauben.

Ironischerweise sind es meine Erfahrung als Burnout-Überlebende und die Distanz, die ich durch mein Inselleben schuf, welche mich auf Umwegen vielleicht wieder politisch macht. Ich arbeitete zuvor in einem Umfeld, in dem von jeder einzelnen Person gefordert war, dass sie immer mehr leistet — unter immer schlechteren Arbeitsbedingungen.

Aus diesem Grund träume ich heute insgeheim von einer Arbeitswelt, in der Menschlichkeit im Mittelpunkt steht und in der jeder Mensch ohne Leistungs- und Performancedruck sein kann.

Burnout ist kein persönliches Versagen

Lange Zeit glaubte ich, dass ich weder für mich persönlich und schon gar nicht an den äußeren Bedingungen etwas ändern könne. Einen Moment der Erleuchtung hatte ich allerdings, als ich auf einen Artikel der Ökonomin Friederike Habermann stieß. Sie machte mir bewusst, dass es nicht in meiner alleinigen Verantwortung liegt, dass das Arbeitsleben so erschöpfend sein kann.

Habermann beschreibt Burnout als ein Nebenprodukt der Marktwirtschaft: Unsere Wirtschaft sei auf ständiges Wachstum ausgerichtet und diese Arbeitsweise erzeuge einen dauerhaften Leistungsanspruch, der die Menschen langfristig ausbrenne und bis an den Rand der Erschöpfung bringe.

Die dadurch verinnerlichte Arbeitsmoral strenge die Menschen an, vom Berufsleben bis in die Freizeit, argumentiert Habermann. Doch sie wüssten nicht, wofür sie sich ständig anstrengen. Dieser Kreislauf der Gefühle erzeuge eine innere Leere, die wiederum zu Burnout führt.

Hoffnung jenseits der Leistungsgesellschaft

Die Arbeiten von Habermann zeigen mir, dass es für die äußeren Bedingungen Lösungen geben könnte — wenn wir sie sehen wollen. Mit ihrem Konzept der „Ecommony“ beispielsweise ließe sich eine Arbeitswelt schaffen, in der Menschlichkeit im Mittelpunkt allen Handelns steht.

Damit würde sich unser Wertesystem sich so wandeln, dass jeder Mensch voll wertgeschätzt wird — unabhängig von der Zahl, die dieser einem Arbeitgeber bringt. Für mich als Burnout-Überlebende klingt das nach einer wundervollen Utopie. Was wäre, wenn diese Wirklichkeit werden würde?

Meine Neugier trieb mich dazu, weiteren Möglichkeiten zu auf die Spur zu gehen, die mir in meiner Hoffnungslosigkeit Lichtblicke aufzeigten. Anstatt politische Debatten zu verfolgen, die mich nur mit Ärger zurücklassen.

Zeitwohlstand statt Leistungsdruck

Besonders packten mich Ideen des Zeitwohlstands sowie die Vier-in-einem-Perspektive der Soziologin Frigga Haug: Sie skizziert in ihren Thesen eine Welt, in der Sorgearbeit, Selbstentwicklung, politische Arbeit und Erwerbsarbeit als gleichwertig angesehen werden.

Von diesem Modell verspreche ich mir eine Arbeitswelt, in der auch Familie und jede Form von Beziehung mit Menschen als Arbeit verstanden wird und nicht nur „Erwerbsarbeit“ — also die Art von Arbeit, für die wir außer Haus gehen und Lohn verdienen. Auch die ‚Arbeit an sich selbst‘ würde als Arbeit zählen. So könnte jeder Mensch sein wahres Selbst leben und auf diese Weise seinen Beitrag zum Gesamten leisten. Vielleicht können wir auf diesem Wege all den Dauerstress endlich abstreifen und ausgeglichen und sinnerfüllt leben?

Warum Utopien politisch sind

Modelle von Denkerinnen wie diesen geben mir Hoffnung. Ihre Kernideen bestehen darin, dass wir besser leben können, wenn wir anders arbeiten und wirtschaften. Sie zeigen mir, dass neue Wege möglich sind und geben mir Kraft, dass wir die Polykrisen bewältigen können. Wenn wir Utopien mutig denken.

Bei meiner Erkundungssuche entdeckte ich viele weitere Modelle, die Antworten auf Herausforderungen wie die Klimakrise, Menschenfeindlichkeit und die wirtschaftliche Unsicherheit bieten könnten. Was mich dabei am meisten erstaunt: Viele von ihnen haben gemeinsam, dass sie sich von der Idee von Wachstum als alleiniges Kriterieum für Wohlstand lösen. Auf junizeit möchte ich weiter erkunden wie Zeitwohlstand, Postwachstum und neue Formen des Wirtschaftens helfen könnten, besser mit der Polykrise zu leben und den Dauerstress zu meistern.

Meine Erfahrungen und mein gesammeltes Wissen hier aufzuschreiben, sehe ich als eine neue Form politischen Handelns. Ein Akt des Widerstands gegen Bedingungen, die unveränderlich erscheinen. Anstatt nur tatenlos zuzusehen, möchte ich die Zukunft hoffnungsvoll mitgestalten.

Wie ist es bei dir, wie stressig ist dein Alltag? Hast du auch das Gefühl, ständig im Dauerkrisenmodus zu leben oder kurz vorm nächsten Burnout zu sein? Haben dich politische Diskussionen manchmal auch schon mutlos zurückgelassen? Was hat dir in diesen Momenten Hoffnung gegeben? Ich freue mich sehr, wenn du deine Erfahrungen und Gedanken mit mir teilst.

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