Wie lebt es sich ohne Nachrichten? Tagebuch einer Digitalen Nomadin

Eine Frau mit langen dunkelbraunen Haaren befindet sich am Strand und blickt in den Himmel. Im Hintergrund türkisfarbenes Meer.

Früher startete ich meine Tage mit Routinen, die ich heute längst ins Jenseits verbannt habe: Noch im Bett scrollte ich durch Spiegel Online, beim Zähneputzen liefen Radionachrichten, zwischendurch checkte ich die ersten E-Mails. Lange glaubte ich, diese Routinen würden mir Orientierung geben. Nachrichten gaben mir das Gefühl, über das Wichtige informiert und mit dem Weltgeschehen verbunden zu sein. Bis ich irgendwann die Reißleine ziehen musste.

Nur Krisen und Weltuntergang?

Es begann in der Corona-Pandemie, als ich zunehmend das Gefühl hatte, von Informationen überflutet zu werden. Das signalisierte mir mein Nervensystem, indem es mich schon bei der kleinsten SPON-Schlagzeile zusammenzucken ließ.

Anstatt mir Orientierung zu geben, ließen mich Nachrichten plötzlich nur noch mit einem Gefühl von Chaos, Angst und Weltuntergangsstimmung zurück. Newsticker wirkten wie ein Strom aus Krisen, der niemals abriss. Deshalb beschloss ich, keine Nachrichten mehr zu lesen. Zur selben Zeit begann ich damit, als Digitale Nomadin zu leben.

Meeresblick statt Newsfeed

Fast vier Jahre lang lebte ich auf einer Insel inmitten des Atlantiks und fing an die Routine, die mir nicht mehr gut tat, aus meinem Alltag zu streichen. Stattdessen interessierte mich nach dem Aufstehen nur noch eine einzige Frage: Wie sieht das Meer heute aus?

Ich wohnte an der Ostküste im Norden Fuerteventuras, meine Freundin an der Westküste. Fast jeden Morgen schickten wir uns Videos vom Ozean per WhatsApp, um ein Gefühl für die Launen des Meeres zu bekommen: Ist es in Bewegung oder ist es sanft und zahm? Leuchtet das Wasser türkisfarben oder strahlt es tiefblaue Anmut aus? Peitscht der Wind stürmische Wellen auf oder ist es windstill?

Meine neuen Routinen gaben mir ein sehr viel angenehmeres Lebensgefühl als meine alte Morgen-Nachrichten-Routine. In dieser Zeit lernte ich, mein Leben an Wind, Wetter und Wellen zu orientieren.

Neue Routinen mit Meeresluft

Ein Teil von mir fand diese neue Routine etwas albern. Ich hatte früher die Augen verdreht, wenn mir sonnengebräunte Surflehrer erklärten, welche Apps sie nutzten, um die besten Wellen zu erwischen. Nun wartete ich selbst morgens gespannt auf Aufnahmen vom Meer — und das war Ausdruck meiner neuen Beziehung zur Natur. Denn auf meiner Zeit in Fuerteventura kam ich dem Ozean so nah wie nie zuvor.

Auf der Insel gab es nur wenig Aktivitäten, denen ich in meiner Freizeit nachgehen konnte. Aus pulsierenden Metropolen war ich zahlreiche Events gewohnt, verbunden mit dem Gefühl, ständig überall sein zu müssen. Auf meinem Inselleben dagegen begann ich, täglich Zeit am Meer zu verbringen.

Das Meer wurde zu meinem Lehrer fürs Leben: Wind und Gezeiten beeinflussten meinen Alltag. Naturkräfte spürte ich am eigenen Leib. Der Ozean lehrte mich, bewusst im Moment zu leben. Jedes Mal, wenn ich an meinem Lieblingsstrand spazierte, an dessen Enden massive Felsbrandungen empor ragten, fühlte ich mich mit der Welt verbunden.

Ich lernte, das Meer immer mehr zu schätzen und zu respektieren: Die Ruhe, die ich empfand, wenn ich die brechenden Wellen beobachtete. Die Kraft, die es mir gab, wenn ich durchs Wasser gleitete und hindurch tauchte. Die Ängste, die ich überwand, wenn ich mein Schwimmtraining trotz ungemütlichem Wellengang durchzog.

Mit Wind und Wellen leben

Das ständige Rauschen, das zuvor in meinem Kopf herrschte, ließ allmählich nach und ich fühlte mich zum ersten Mal seit Langem wieder mit der Welt in Einklang. Heute verstehe ich besser, warum meine selbst auferlegte Nachrichtenpausen-Therapie in dieser Zeit so heilsam war.

Dabei half mir auch der Klassiker „The Power of Now“ von Eckhart Tolle, den ich mir neulich aus dem Bücherregal einer Bekannten schnappte. Normalerweise bin ich behutsam mit spirituellen Ratgebern. Finde ich aber Impulse, die sich in meinen Alltag übertragen lassen, nehme ich diese gerne mit. Bei Tolle waren es seine Gedanken darüber, was Achtsamkeit bedeutet und warum wir in unserem modernen Arbeitsleben oft so unachtsam sind, die besonders hängen blieben.

Tolle versteht Ängste als eine Form von Unachtsamkeit. Angst entsteht in seiner Vorstellung, wenn wir uns mit unseren Gedanken ständig Szenarien ausmalen, die sich nicht im gegenwärtigen Moment abspielen.

Gedankenspiralen durch Schlagzeilen

Dadurch verstand ich, dass Nachrichten mich in einen Zustand von Unachtsamkeit zogen. Denn während der Pandemie erzeugten Schlagzeilen in meinem Kopf endlose Gedankenspiralen: Was droht? Was könnte passieren? Was wird kommen? Was könnte noch schlimmer werden?

Nicht nur bei mir war das so. Studien belegen, dass es während der Corona-Pandemie viele Menschen gab, bei denen Nachrichten sorgenvolle Gedanken verstärkten. Eine wachsende Zahl an Menschen wendet sich auch heute genau aus diesem Grund von Nachrichten ab.

Der Verzicht auf Nachrichten bedeutete für mich deshalb nicht, die Welt auszublenden. Im Gegenteil. Zum ersten Mal seit Langem hatte ich wieder das Gefühl, tatsächlich mit ihr verbunden zu sein und nicht mehr ständig in Krisen zu denken. Und obwohl ich auf einer abgelegenen Insel lebte, fühlte ich mich der Welt näher als zuvor in vielen Großstädten. Der Nachrichtenverzicht hat mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, sowohl im Äußeren als auch im Inneren.

Das Meer beruhigte das Rauschen in meinem Inneren, das Nachrichten verursacht hatten. Anstatt nur Krisen zu sehen, war ich wieder in der Lage, die Schönheit der Welt wahrzunehmen.

Bewusster Informationen wählen

Heute konsumiere ich Nachrichten bewusster und dosierter, sodass sie mir nicht mehr meine Kräfte entziehen. Ich lese sie nicht mehr pausenlos und lasse mich auch von digitalen Medien weniger treiben. Stattdessen habe ich mir eine Art persönlichen Nachrichtenfilter geschaffen, der es mir erlaubt, Informationen achtsamer auszuwählen. Wenn du mehr dazu erfahren willst, schau in diesen Blog-Post rein.

Wer auf Nachrichten verzichtet, kann dem Vorwurf begegnen, uninformiert oder unpolitisch zu sein. Diese Sorge kann ich verstehen, mir ging es ähnlich. Doch ich halte diesen Vorwurf inzwischen für diskussionswürdig. Informiert zu sein bedeutet nicht zwingend, täglich den Newsfeed zu konsumieren.

Meine Erfahrung war, dass die Zeit ohne Nachrichten meinem Leben eine neue Qualität gab. Sie machte mich aufmerksamer für meine Umwelt und für mich selbst. Eine der Lektionen, die ich dabei mitgenommen habe: Es ist möglich, auch auf anderem Wege als nur über klassische Nachrichten informiert über die Welt zu bleiben.

Natur ersetzt Newsticker

In meinem Fall ist das beste Beispiel das Meer: Weil ich mein Leben nicht mehr von einem Newsfeed bestimmen ließ wurde die Natur zu meinem täglichen Kompass. So wurde das Meer selbst zu einer Quelle von Wissen für mich.

Diese neue Verbundenheit lehrte mich, dass wir Menschen uns auch durch das Verhältnis zur Natur informieren und Wissen in Erfahrung bringen können. Eine Form des Wissens, die in unseren modernen Gesellschaften verloren gegangen ist, wie ich von der indigenen Autorin Robin Wall Kimmerer lernte.

Kimmerer ist Angehörige der Potawatomi und schreibt über das Wissen, das entsteht, wenn man eine Pflanze nicht nur betrachtet, sondern über Jahreszeiten und Veränderungen mit ihr lebt. Selbst eine kleine Moospflanze könne uns Informationen über das Leben mitteilen. Doch für dieses Art von Wissen gibt es in modernen Gesellschaften keine Wertschätzung.

In meinem Fall lehrte mich die Natur, den Ozean mit meinem Leben verschmelzen zu lassen. Er gab mir Orientierung, wie der Tag werden könnte. Er brachte mich dazu, über meine Grenzen hinauszuwachsen. Er gab mir Kraft und Halt. Lektionen, die mir keine Nachrichtensendung in dieser Form beibringen konnte.

Wie ist es bei dir, hast du auch schon mal auf Nachrichten verzichtet? Wie erging es dir in dieser Zeit? Hast du vielleicht auch unerwartete Erfahrungen gemacht, die du sonst verpasst hättest, wenn du weiter auf Spiegel Online gescrollt hättest? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen mit mir teilst!

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