Es gab Zeiten, da läutete mein Handy beinahe im Sekundentakt. Ein Blick auf den Bildschirm – und ein Dutzend Eilmeldungen von Spiegel Online, Süddeutsche oder Tagesschau kämpften um meine Aufmerksamkeit. Ein permanenter Wettstreit auf meinem Homescreen.
Besonders am Ende mit meinen Nerven war ich, als die Corona-Pandemie begann. Wie reflexhaft griff ich in jeder freien Minute zum Handy, um neue Fallzahlen, belegte Intensivbetten oder Todeszahlen zu prüfen. Ich war in Angst. Die Welt war in Angst.
Nicht nur die Pandemie überforderte mich. In jenem Jahr kam auch der Tod von George Floyd hinzu, verstörende Nachrichten prasselten auf mich ein und meine Gefühle fuhren Achterbahn. So konnte es nicht weitergehen. Also hörte ich auf, Nachrichten zu lesen. Komplett.
Als ich aufhörte, Nachrichten zu lesen
Ich kappte damals auch meine Nutzung von sämtlichen Social Media Kanälen. Alles nur, um meine mentale Gesundheit zu schützen. Aus dieser vorübergehenden Phase wurden Jahre.
Die Zeiten, in denen alle paar Minuten Eilmeldungen auf meinem Handy ankommen, sind längst vorbei — zu meiner großen Erleichterung. Heute habe ich meine Mediennutzung so strukturiert, dass sie mich nicht mehr ständig überwältigt. Ein bewusster Medien- und Nachrichtenkonsum hilft mir, mental gesund zu bleiben.
Umso mehr überrascht es mich, davon zu lesen, dass dieses Thema die Schlagzeilen vieler Medien bestimmt: Immer mehr Menschen sind müde von Nachrichten und vermeiden diese. Welch Ironie. Wissenschaftliche Studien deuten inzwischen darauf hin, dass Nachrichtenvermeidung eine therapeutische Wirkung haben kann. Es ist verblüffend wie ein Phänomen, von dem ich dachte, es betreffe nur mich, nun gesellschaftlich relevant wird.
Laut dem Reuters Institute Digital News Report 2025 geben 71 Prozent der Befragten an, gelegentlich aktiv Nachrichten zu meiden, weil die Menge negativer Meldungen ihre Stimmung belaste.
Wie Doomscrolling die mentale Gesundheit belastet
Krankenkassen warnen vor den negativen Folgen von schlechten Nachrichten und Doomscrolling auf die mentale Gesundheit. Die AOK schreibt auf ihrer Website: „Wer ständig negative Informationen konsumiert, riskiert emotionale Erschöpfung, Angst und Stress.“ Ein bewusster und begrenzter Konsum von Nachrichten sowie von digitalen Medien kann deshalb nur die logische Konsequenz sein, um die eigene Gesundheit zu schützen. Die psychologische Forschung beschäftigt sich heute immer intensiver mit den Hintergründen von News Overload.
Ich habe bereits vor vielen Jahren ziemlich allergisch auf die Nachrichtenflut reagiert und deshalb meine radikale Nachrichtendiät eingeführt. Vielleicht habe ich als neurodivergente Frau zu den Ersten gehört, welche die sich anbahnenden Signale gespürt haben. Nachrichtenkonsum zu reduzieren war ein Teil meines persönlichen Weges, um Burnout zu heilen. Denn aufgrund meines Berufs lese ich Nachrichten für gewöhnlich nicht nur, um mich zu informieren, sondern sie sind auch Teil meines Jobs.
In meinem eigenen Heilungsprozess war es eine unglaublich wirksame Methode. Da Nachrichtenvermeidung heute zunehmend gesellschaftlich relevant wird, frage ich mich allmählich: Wie kann es sein, dass so viele Menschen Gefühle erleben, die ich schon vor Jahren durchgemacht habe?
Die Idee von Nachrichtenvermeidung als Therapieform scheint beinahe so, als ob die Welt selbst ins Burnout geraten wäre. Vielleicht erleben wir kein individuelles Burnout, sondern ein kollektives. Eine kollektive Erschöpfung angesichts der endlos erscheinenden Krisen und Negativ-Schlagzeilen. Vielleicht mahnt uns das „Burnout der Welt“ dazu, innezuhalten.
Nachrichtenvermeidung als Heilmittel gegen die News-Flut?
Burnout beschreibt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge einen Zustand von tiefer körperlicher und mentaler Erschöpfung, der im Zusammenhang des Arbeitslebens auftritt. Manche Therapeut*innen bezeichnen Burnout-Symptome als ein „Liebessignal des Körpers“. Sie signalisieren, dass bestimmte Lebensumstände und Verhaltensmuster nicht förderlich für die eigene Gesundheit sind. Treten sie auf, deuten sie darauf hin, dass Betroffene bereit sein sollten, einen Gang zurückzuschalten und sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern.
Betroffene können Burnout überwinden, indem sie ihre Lebensumstände ändern und mithilfe von Therapien lernen, alte Muster aufzubrechen. In diesem Sinne stelle ich mir oft die Frage: Lässt sich dieses Heilverfahren auf das Phänomen der Nachrichtenmüdigkeit übertragen?
Es ist ein Gedankenexperiment, das mir seit einiger Zeit durch den Kopf geht. Zwar tritt Burnout der offiziellen Definition zufolge nur im Arbeitskontext auf, doch im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort oft bildlich verwendet, um verschiedene Erschöpfungszustände zu beschreiben. Auf Nachrichten zu verzichten ist schließlich eine Maßnahme, um der Erschöpfung durch andauernde negative Schlagzeilen zu entkommen. Könnte es also angebracht sein, von einem Nachrichten-Burnout zu sprechen und wenn ja: Wie können wir es heilen?
Informationsflut durch digitale Medien
Während des Studiums hatte ich das (Nicht-)Vergnügen „Eine Geschichte der Medien“ des Medienwissenschaftlers Jochen Hörisch zu lesen. Es gab eine Lektion, die sich besonders bei mir eingebrannt hat: Ob Bücher, Zeitungen, Radio, Fernseher — jede neue Medienform brachte Spannungen mit sich, als die Menschheit sie zum ersten Mal entdeckte. Bis Gesellschaften lernten, mit ihr umzugehen, vergingen Jahrzehnte.
Wenn ich an diese Lektion denke, scheint es so, als ob die digitale Medienwelt sich noch mitten in dieser Übergangsphase befindet. Das steigende Phänomen der Nachrichtenvermeidung könnte ein Symptom dafür sein, dass wir unseren Umgang mit dem Digitalen anpassen müssen, um unserer aller Gesundheit zu schützen. Die Frage ist nur: Haben wir es denn wirklich mit einem Nachrichten-Burnout oder vielmehr einem Medien-Burnout zu tun?
Das wachsende Phänomen der Nachrichtenvermeidung jedenfalls, ist womöglich eine logische Folge auf die schiere Informationsflut, die uns die Digitalisierung beschert hat. Als Burnout-Überlebende, die lange Zeit unter Nachrichtenmüdigkeit litt, begann ich vor Jahren bewusst damit, mein Medienkonsumverhalten zu ändern. Meine Erfahrungen und Erkenntnisse möchte ich hier teilen — mit der Hoffnung, anderen Betroffenen vielleicht Impulse für ihren eigenen Weg zu geben.
Meine Filter, um Nachrichtenmüdigkeit vorzubeugen
In der Zwischenzeit habe ich ein regelrechtes System aufgebaut, das meine Mediennutzung nach meinen Vorlieben und Nutzen strukturiert. Statt permanent auf eingehende Benachrichtigungen auf dem Smartphone oder im E-Mail Postfach zu reagieren, habe ich mich so organisiert, dass ich selbst bestimme wann und wie ich sie konsumiere. Diese Maßnahmen wirken wie selbst gewählte Filter, um einem Medien-Burnout vorzubeugen:
Schritt 1: Reduktion von Medienreizen
- Sperrzeiten für Handynutzung: früh morgens, spät abends und im Bett
- E-Mails und Messages: nur einmal täglich beantworten, in besonders stressigen Phasen sogar einmal wöchentlich (Sorry an meine Friends für lange Wartezeiten!)
- Social Media: nutze ich zurzeit vorwiegend passiv; ein Kanal ist für Community-News, ein weiterer ausschließlich für persönliche Interessen (Yes, her mit den Delfin-Videos!)
Schritt 2: Informationen bewusst wählen
- Unterhaltung gezielt planen: Filme, Podcasts auf Wunschlisten speichern, Wunschbücher und Lieblingsmagazine analog oder digital kaufen, Zeiten zum lesen und schauen planen
- Nachrichten gezielt auswählen: Newsletter von 2–3 vertrauenswürdigen Medien abonnieren und Artikel für geplante Lesezeiten speichern
- Alternative Quellen nutzen: zusätzlich zu klassischen Newsportalen auf Newsletter von Thinktanks, NGOs zurückgreifen oder auf Informationen aus persönlichen Netzwerken
- Fokussiertes Lesen: Newsportale oder Nachrichtensendungen 1–2 Mal pro Woche anschauen, Startseiten für Überblick nutzen, bei Bedarf Themen zum Vertiefen auswählen
- Vertiefung offline: wenn ich mich gründlicher informieren will, greife ich gerne mal auf Magazine oder Wochenzeitungen zu – ganz oldschool
Politisch sein ohne Nachrichtenkonsum
Gerade Nachrichtenvermeidung war eine heilsame Maßnahme, um mich von Burnout zu erholen. Ich kenne einige Menschen in meinem Umkreis, die eine Zeit lang bewusst Nachrichten vermieden haben, weil auch sie erschöpft von der Nachrichtenflut waren.
Kann man uns aufgrund dessen Politikverdrossenheit vorwerfen? Ich selbst behaupte: Auch ohne den ständigen News-Konsum bin ich immer noch ein politischer Mensch. Der Unterschied ist nur, dass ich mich von der Informationsflut nicht mehr überrollen lasse. Stattdessen halte ich fast automatisch Ausschau danach, wie ich mich bewusst und lösungsorientiert informieren kann.
Auf diese Weise kann ich Medien und Nachrichten heute so nutzen, dass sie mir sowohl persönlich gut tun als auch von Nutzen sind. Warum ich diesen Artikel hier nun veröffentliche? Vielleicht aus politischen Gründen.

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