Zu viele schlechte Nachrichten? So erklären Psychologen News Overload

Ein Tisch aus der Vogelperspektive. Von oben sind eine Teetasse, Teekanne, Kerze und ein Notizblock zu sehen sowie eine schreibende Hand.

Vielleicht kommt Dir dieses Gefühl bekannt vor, wenn sich der Magen beim Gong der Tagesschau ein kleines bisschen umdreht. So erging es mir jedenfalls, als ich während der Corona-Pandemie an News Overload litt.

Die Tagesschau war für mich früher ein tägliches Muss. Lange Zeit bevor Smartphones existierten, setzten wir uns pünktlich um 20 Uhr vor den Fernseher, um dem Nachrichtengeschehen des Tages zu lauschen. Dieser Termin war fix, ohne wenn und aber. Doch seit ich ein Smartphone benutze, ist die Tagesschau rund um die Uhr verfügbar.

Warum negative Schlagzeilen Stress auslösen

Anfangs war ich begeistert darüber, doch meine Meinung drehte sich im Laufe der Zeit um 180 Grad. Irgendwann entwickelte sich dieses krampfhafte Gefühl im Magen, wenn der berüchtigte Gong auch nur im Nebenzimmer zu hören war – die Nachrichtensendung wurde zum Stressauslöser. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich: Ich brauche eine Pause.

Inzwischen weiß ich, dass es nicht nur mir so erging. Studien zeigen, dass eine große Zahl an Menschen es während der Corona-Pandemie als emotional belastend empfanden, sich über politische Neuigkeiten zu informieren. Auch heute, nach Ende der Pandemie, verzichten immer mehr Menschen auf Nachrichten.

Psycholog*innen konnten mentale Überlastung als eine der Hauptursachen für Nachrichtenvermeidung ermitteln: Eine Studie zeigte, dass der Konsum von negativen Nachrichten in weniger als 15 Minuten Sorgen und Stressgefühle verstärken kann.

Fight-or-Flight: Das Gehirn reagiert auf Gefahr

Therapeut*innen haben bei Betroffenen dabei Merkmale beobachtet, die erstaunlicherweise stark an Burnout-Symptome erinnern: Schlechte Nachrichten können das zentrale Nervensystem belasten, den Bereich des Gehirns, das Informationen und Reize aus der Umwelt aufnimmt und verarbeitet. Wittert es Gefahr, wird der Körper in den Fight-or-Flight Modus versetzt.

Der Körper reagiert dabei so, als ob er in der Steinzeit einem gefährlichen Tier begegnen würde und schüttet eine erhöhte Menge an Adrenalin und Cortisol (ein Stresshormon) aus — bereit, zum kämpfen oder zu fliehen. Negative Nachrichten können genau diese Stressreaktion auslösen.

Symptome für News Overload

Dieses Wissen erklärt mir zumindest teilweise, was sich in meinem Inneren abgespielt haben muss, als ich nachrichtenmüde wurde. Als ich an einem besonders kritischen Punkt war, spannten sich meine Schläfen bereits beim Sehen einer Schlagzeile an und ich fühlte meinen Puls ansteigen. Ziemlich sicher kann ich nun sagen, dass mein zentrales Nervensystem meinen Körper anscheinend auf Kampf oder Flucht eingestellt hatte. Dieses Phänomen beschreiben Psycholog*innen auch als „headline stress disorder“ – eine Stressreaktion auf Schlagzeilen.

Falls Du Anzeichen wie diese bei Dir beobachtest, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass Du von Nachrichtenmüdigkeit betroffen bist. Dann solltest Du womöglich über einen zweitweisen Rückzug von Nachrichtenkonsum nachdenken. Das sind weitere Anzeichen sein, auf die Du Acht geben solltest:

  • Nervosität und innere Unruhe nach dem Lesen von Nachrichten
  • Übermäßige Sorgen, Nervosität, Unruhe
  • körperliche Anspannung
  • Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl, nichts ändern zu können
  • ein Gefühl der Leere oder dass etwas Schlimmes bevorsteht

Überwältigt durch Krisen der Welt

Psychologische Studien zeigen, dass zunehmend mehr Menschen sich von den Krisen der Welt überwältigt fühlen. Den Forschenden ist bislang jedoch nicht bekannt, warum manche Menschen stärker auf negative Nachrichten reagieren als andere. Ich für meinen Fall vermute mittlerweile, dass meine gereizte Reaktion mit meiner Neurodivergenz zusammenhängen könnte. Denn als hochsensible Person (HSP) verarbeitet mein Gehirn Informationen viel intensiver als das von neurotypischen Menschen.

Die Psychologin Elaine Aron sagt über Hochsensible, dass sie den Schmerz der Welt besonders tief nachempfinden können und sie die Fähigkeit besitzen, zwischen den Zeilen lesen zu können. Vielleicht hat das Burnout der Welt hat meiner Seele zu schaffen gemacht. Das ist zumindest meine persönliche Hypothese.

Gefühl der Hilflosigkeit

Das Leibniz-Institut für Medienforschung fand zuletzt in einer Studie heraus, dass so viele Menschen wie nie zuvor aktiv die Nachrichten meiden. Als Gründe nannten die Befragten, dass sie von der Menge an Nachrichten schlicht erschöpft seien. Der Trend, den meine Leidensgenoss*innen und ich in der Corona-Pandemie begonnen haben, hält somit an.

Auch aus der neurowissenschaftlichen Forschung geht hervor, dass die Menge an den heute verfügbaren Informationen das menschliche Gehirn überfordert. Die Medienpsychologin Maren Urner spricht sogar von einer „digitalen Vermüllung“ unserer Köpfe. Die Wissenschaftlerin erklärt, was biochemisch passiert, wenn wir zu viele negative Nachrichten konsumieren: Unser Gehirn wird zu einem Gefühl der Hilflosigkeit konditioniert.

Diese Erklärung hat mir die Augen göffnet, denn das Gefühl der Hilflosigkeit äußert sich auch bei mir: Von der Nachrichtenflut, die zwischen Naturkatastrophen und Kriegen pendelt, fühle ich mich manchmal erdrückt und ohnmächtig. Nicht selten denke ich mir, dass ich bei der schieren Menge an Katastrophenszenarien einfach nichts bewirken kann. Ich möchte dann am liebsten meinen Kopf unter einem Kissen vergraben und laut schreien.

Weniger Medien, weniger Stress

Zum Glück habe ich mich mehrere Jahre in Nachrichtenabstinenz geübt und reagiere heute nicht mehr so stark wie vor ein paar Jahren. In dieser Zeit habe ich mich beruflich damit begonnen, lösungsorientiert zu recherchieren und zu arbeiten. Ich orientiere mich an den Prinzipien des konstruktiven Journalismus, dessen Ziel es ist, bei gesellschaftlichen Krisen und Problemen über mögliche Lösungs- und Handlungswege aufzuklären – anstatt nur zu zeigen, was schief läuft. Für mich ist dies eine gesündere Art, meinen Beruf auszuüben.

Vor einiger Zeit habe ich dann zufällig entdeckt, dass Nachrichtenvermeidung sogar als Therapieform eingesetzt werden kann und fühlte mich in meinem selbst auferlegten Nachrichtenentzug mehr als bestätigt. Die positiven Auswirkungen eines zeitlich begrenzten und reduzierten Medienkonsums konnten in einer Studie während des Lockdowns in Spanien nachgewiesen werden: Wer in dieser Zeit den Nachrichtenkonsum beschränkte und sich Tätigkeiten widmete, die das Wohlbefinden fördern, empfand deutlich weniger Stress. Hobbies nachgehen oder sich im Freien aufhalten, zählten dazu.

Mein radikaler News-Entzug

Das Nachrichtenfasten zeigte bei mir genau diese Wirkung: Als ich meinen radikalen News-Entzug einführte, beschäftigte ich mich damit, sämtliche Musik-Alben von Shakira durchzuhören, Bellydance-Moves zu lernen und täglich ausgiebig Waldbaden zu gehen. Es war eine Kur. Allmählich spürte ich wie die Anspannung nachließ.

Im Zuge meiner Nachrichtendiät habe ich mir über die Jahre eine Art persönlichen Medien- und Nachrichtenfilter eingerichtet, der es mir heute erlaubt, Informationen und digitale Medien so zu konsumieren, dass es für mich persönlich gesünder ist. Mittlerweile kann ich wieder Tagesschau gucken. Aber nicht täglich, und schon gar nicht mehrmals am Tag.

2 Kommentare zu „Zu viele schlechte Nachrichten? So erklären Psychologen News Overload“

  1. Das, was du über die Coronazeit schreibst, hatte ich damals bei Fukushima. Meine Tochter war damals gerade 3 Jahre alt und ich hab mir unendlich Sorgen über die Zukunft gemacht.
    Schon seit Jahren wünsche ich mir, dass auch mal mehr positive Nachrichten gezeigt werden. Aber das Gehirn reagiert eben mehr auf Gefahr als auch positives. Und Katastrophen „verkaufen“ sich dadurch anscheinend besser. Schade…

    Aber du zeigst ja auch, dass es anders geht. Wir müssen uns nicht ständig alle Katastrophen „reinziehen“.

    Dabei geht es nicht um das ignorieren der Realität, sondern um ein gesundes Maß und einen konstruktiven Umgang mit diesen Herausforderungen.

    Ich freue mich auf weitere Artikel von dir. 💖
    Viel Spaß mit Shakira, Bella Dance und Waldbaden.

    1. Liebe Caro,

      herzlichen Dank für Dein Feedback. Ich freue mich sehr, von Dir zu lesen! Erstaunlich, dass Du durch ähnliche Gefühlslagen gegangen bist und zwar in einem anderen Kontext. Ich kann mich noch an die Nuklearkatrastrophe von Fukushima erinnern und weiß was Du meinst. Du hast Recht, dass sich zu dem Zeitpunkt auch eine angstvolle Stimmung verbreitete.

      Zu Deiner Beobachtung habe ich ein interessantes Bild, auf das ich bei meinen Recherchen gestoßen bin: Unser Steinzeitgehirn hat in der Vergangenheit ja auf Gefahren wie einen Säbelzahntiger reagiert und den Kampf-oder-Flucht-Modus aktiviert. Heute sind wir in der Regel nicht mehr wilden Tieren ausgesetzt, die für den Menschen bedrohlich sein können. Stattdessen nimmt unser Gehirn negative Nachrichten als Gefahr wahr. Sprich: Nachrichten sind sowas wie der neue Säbelzahntiger, auf den unser Gehirn reagiert.

      Ich kann gut nachvollziehen, dass Du den Eindruck hast, dass sich „Katastrophen“ in den Medien besser verkaufen. Ich sehe das nicht ganz so zugespitzt. Es ist wahr, dass Marktlogiken eine gewisse Rolle spielen. Zum anderen ist es so, dass mediale Darstellungen oft dazu tendieren, verzerrt zu sein – da steckt aber meistens keine böse Absicht hinter. Ich wünsche mir gerade deshalb, dass sich lösungsorientierte Perspektiven in Zukunft stärker etablieren.

      Umso mehr freue ich mich, dass Dir mein Artikel neue Möglichkeiten aufgezeigt hat <3 Pass gut auf Dich auf und vielen Dank für Deine Worte!

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